Auszug aus dem Reisetagebuch

Im letzten Jahr war ich im Nordosten Europas unterwegs, jetzt also stand der Südosten auf dem Programm. Die Planung habe ich eher nachlässig angegangen.
Das Ziel ‚Athen‘ war frühzeitig klar, nur der Weg dahin lag noch etwas im Dunkeln. Die Donau runter und dann ab Belgrad überlegen, wie ich nach Athen komme. Kosovo, Albanien oder doch eher Nordmazedonien. Zu viel planen macht auch keinen Sinn, ein bisschen Spontanität wollte ich beibehalten. Als Startort habe ich Salzburg auserkoren. Das liegt zwar nicht an der Donau, diese ist aber an einem Tag von dort aus zu erreichen.
Eigentlich wollte ich am Donnerstag, den 16. Mai starten. Es kam aber zu einer leichten Verzögerung, weil a) die Briefwahlunterlagen für die Europawahl erst am Donnerstag zur Abholung bereit lagen und b) weil der Wetterbericht für Donnerstag und Freitag unterirdisch war. Nicht schon wieder.
Für Samstag verhieß es Besserung, zumindest sollte wenigstens der Anfang meiner Tour bei guten Bedingungen stattfinden. Dass der Zeitpunkt mit dem Beginn der Pfingstferien zusammenfiel, musste ich eben hinnehmen. Man kann nicht alles haben.
Dafür bin ich jetzt mit einem neuen Rad unterwegs. Mein Crossbike habe ich durch ein Rose – Gravelbike ersetzt. Was den Gepäcktransport am Fahrrad anbelangt, bin ich noch etwas ‚Old School‘ unterwegs.
Vor dem Radeln kommt das Zug fahren. Mir ist klar, dass der Termin wieder einigermaßen dumm gewählt ist. Heute beginnen die Pfingstferien. Das merke ich schon auf dem Bahnhof in Biberach. Es steigert sich in Ulm und wächst sich in München beim Umstieg in Richtung Salzburg in eine mittlere Katastrophe aus.
Der Zug aus Salzburg hat Verspätung und der Bahnsteig ist bereits rappelvoll. Es sind viele Radler darunter, auch einige mit großem Gepäck – so wie ich. Zwei Jungs, mit denen ich später im Abteil zusammengepfercht bin, wollen den Alpe Adria – Radweg ab Salzburg machen. Bei jedem Halt gibt es eine zusätzliche Verzögerung, weil irgendjemand immer die Tür blockiert. Wie sich später rausstellt, ist da auch ein Typ dabei, der das absichtlich macht, weil er noch ein paar Züge aus seiner Zigarette braucht.
Mit einer Stunde Verspätung bin ich dann in Salzburg, wo meine diesjährige Tour also am Samstagmittag um halb drei starten kann. Dazu muss ich nochmal zurück an die Salzach und ein paar Km in nördlicher Richtung, bevor der Radweg in Richtung Salzkammergut rechts abgeht.
Ich bin jetzt teilweise auf der ehemaligen Bahntrasse der Ischler Bahn unterwegs, die sich pittoresk mit einigen kleinen Steigungen durchs Salzkammergut zieht. Den dortigen Seen komme ich am Wallersee am nächsten. Das Wetter ist perfekt, nicht zu warm, der Wind ist kaum zu spüren. Es läuft gut.
Nach der Hälfte der Strecke habe ich auch schon die meisten Höhenmeter hinter mehr, jetzt geht es nur noch bergab. In Vöcklabrugg, nach 75 km, plagt mich der Hunger, ein Döner und ein Bier sind jetzt genau richtig. Ein paar km gehen noch bei dem schönen Wetter, aber in Schwanenstadt beschließe ich den Tag zu beenden, da habe ich dann trotz verspätetem Start auch schon 92 km bei gemächlichen 520 Hm drauf.
Es kommt ein Sportstadion mit diversen Plätzen, an der Tennisanlage ist noch Betrieb auf der Terrasse, zudem liegt das Gelände an einem kleinen Fluss, der Ager, da gibt’s für mich bestimmt einen gemütlichen Stellplatz für mein Zelt. Die Jungs auf der Terrasse haben ihren Spaß mit mir und staunen ob meiner Pläne, die Halbe gibt’s für 2 Euro. Christoph, der Typ der heute Dienst hat, besteht auch noch auf ein gemeinsames Selfie. Direkt hinter dem Vereinsheim, zwischen Fluss und Faustballfeld, finde ich den perfekten Übernachtungsplatz und kann zum ersten Mal wieder den Zeltaufbau üben. Es geht noch.
Noch ein Ereignis am Rande: Am Ortseingang von Vöcklabrugg ist eine Baustellenampel. Ich fahre langsam auf das einsam dort stehende Auto auf. Die Ampel wird grün, die ältere Frau am Steuer vergisst bei meinem Anblick im Rückspiegel glatt das Weiterfahren. Also überhole ich sie. Als sie sich vom Schrecken erholt hat, überholt sie mich wieder. Nicht ohne mir noch ein lautstarkes ‚Arschloch‘ zuzujubeln. Ich bin mir keiner Schuld bewusst.
Der Platz am Stadion in Schwanenstadt war ideal. Direkt am Faustballplatz, ja, das gibt's. Und mit Blick auf das Fußballstadion. Das Gewitter in der Nacht war unerwartet und völlig überflüssig. Gleich nach der ersten Nacht musste ich das Zelt wieder klatschnass einpacken.
Dafür bin ich jetzt direkt am Radweg am Fluss Ager, der auf meist geschottertem Belag in Richtung Osten geht. Irgendwann wird aus der Ager die Traun, die aber mit dem bayrischen Fluss Traun nichts zu tun hat. In Wels, der lt. Wiki zweitgrößten Stadt in Oberösterreich, gibt's dann endlich einen Capo und ein leckeres Baguette, bevor ich dann nach 60 km die Donau südlich von Linz erreiche.
Jetzt ist es völlig entspannt, die Sonne scheint und der Wind kommt meist von hinten. Viele Radler (Pfingstferien) sind unterwegs. An einer Schleuse treffe ich ein Pärchen aus Kanada, das eine Radtour von Passau nach Wien gebucht hat. Auch das gibt es. Über Mauthausen geht es nach Grein, Ybbs und schließlich Marbach / Donau, wo ich nach 142 km und lächerlichen 350 hm einen netten Campingplatz finde. Die Pizzeria ist direkt gegenüber, der Abend ist gerettet.
Wenn es jetzt noch trocken bleibt, wird es perfekt. Es sei denn, dass die neu erstandene Isomatte tatsächlich nach der ersten Nacht schon wieder die Luft verliert. Ich befürchte es.
Das mit der Isomatte war ein Fehlalarm. Sie hat gehalten. Aber ohne Regen in der Nacht geht's offensichtlich nicht. Aber nur ganz leicht. Am Morgen war alles fast wieder trocken. Auf jeden Fall scheint die Sonne, es verspricht wieder ein schöner Tag zu werden. Leider kommt der Wind jetzt aus der anderen Richtung. Das wäre auch zu schön gewesen.
Es wird wenig spektakulär. Bei Melk wechsle ich die Flussseite und habe dadurch den vollen Ausblick auf das Wachauer Weingebiet. Es sind wieder jede Menge Leute unterwegs. Die Jausenstationen an der Strecke sind voll. Bei Zwentendorf treffe ich an der dortigen auf ein Paar, welches ich kurz vorher überholt habe und er dabei mit Blick auf mein Rad meint, das sei ja aber Carbon. Er meint damit wohl, dass ich es deshalb wesentlich leichter habe als er. Andererseits kämpft er in einer anderen Gewichtsklasse als ich. Als wir uns dann an besagter Jause treffen, stellt sich raus, dass er das gleiche Modell, aber in Alu hat. Im Gegensatz zu unseren verschiedenen Gewichtsklassen spielt die Differenz beim Material wohl keine große Rolle.
Ich habe beschlossen, dass es heute nicht mehr als 100 km geben soll und dass deshalb in Tulln Schluss ist. Nach 97 km fahre ich auf dem dortigen Platz ein.
Mit 20,50 € ist er wieder etwas teurer, aber dafür gibt es dort auch einen richtigen Biergarten. Inzwischen sind auch die beiden von der Jause auf dem Platz gelandet. Die beiden meinen, dass es morgen regnen könnte. Das wollte ich eigentlich nicht wissen. Sie haben im Übrigen in der letzten Nacht ca. 20 km von mir entfernt genächtigt und ein richtiges Gewitter abbekommen.
Meine Augsburger Nachbarn haben von Regen gesprochen und wohl die Gunst der Stunde genutzt, nachdem es um fünf Uhr morgens immer noch trocken war. Denn da habe ich sie schon zusammenpacken gehört. Die wollten wohl unbedingt trocken nach Wien kommen. Ich habe mir dagegen bis halb acht Zeit gelassen. Da war es immer noch trocken und das war auch so, als ich kurz nach halb neun losgefahren bin.
Es kommt wie's kommt. Es ist grau und Nebel verhangen, die Menschenmassen sind verschwunden. Die Österreicher müssen wieder in die Schule oder zum Arbeiten und die Deutschen (oder Kanadier), die nach Wien radeln, sind noch nicht so weit. Bis Wien überholen mich genau zwei Rennradler, zwei mit Gepäck kommen mir entgegen. Der Radweg ist immer mal wieder ein bisschen feucht, weil es hier früher schon geregnet hat. Vor Klosterneuburg wechsle ich auf die linke Seite und erreiche Wien direkt am Übergang zur Donauinsel. Die teilt den Fluss auf ca. 20 km Länge und ist zum einen Naturschutzgebiet und zum anderen eine endlose Partymeile mit unzähligen Biergärten und sonstigen Belustigungsmöglichkeiten. Ab und zu schaut jetzt auch die Sonne raus. Wenn der Wind nicht wäre, wäre es perfekt.
Ab dem Ölhafen wird es vollends einsam. Hier beginnen die Donauauen, die sich bis nach Hainburg, ca. 15 km vor Bratislava hinziehen. Endlose Geraden, links und rechts Wald und Wiesen, die Donau ist mindestens einen km entfernt. Bei Hainburg geht die erste Brücke rüber und beendet diesen Abschnitt. In der Ortsmitte kommt tatsächlich so etwas wie ein Regenschauer, den ich zusammen mit einem Fernradler aus der Gegenrichtung mit einem kurzen Plausch überbrücke. Er erzählt mir, dass er aus Budapest kommt, aber wegen des fehlenden Radweges mit dem Zug nach Bratislava gefahren ist. Hä? Fehlender Radweg? Eigentlich bin ich der Meinung, dass der Radweg an der Donau weitergeht. Aber das diskutiere ich mit ihm nicht. Dann ist der Regen auch schon wieder vorbei und ich kann weiter.
Der Radweg führt jetzt etwas weg von der Donau, eine halbe Stunde später bin ich aber schon in Bratislava und betrachte die Kulisse von der anderen Donauseite. 107 km stehen auf der Uhr, der Tag ist definitiv beendet, obwohl es erst halb drei ist.
Wo ist der Campingplatz? Gibt es keinen, nur einen Womo-Stellplatz ein bisschen außerhalb. Ein Hostel? Ich finde eins für 15 Euro direkt im Zentrum, beim Bezahlvorgang werden daraus 11,88 €. Da kann man nicht meckern. Die Gegend sieht zwar etwas heruntergekommen, man kann auch sagen, alternativ, aus, aber das Zimmer ist ok. Drei Stockbetten, ich bin zunächst der einzige Gast. Die einzelnen Betten sind durch einen Vorhang abgetrennt. Zu jedem Bett gehört ein abschließbarer Schrank. Als ich später kurz zurückkomme, ziehen gerade zwei junge Iren ein. Der eine erzählt gleich, dass seine Großeltern aus Ulm kommen und er in Killarney Gälisch Football spielt. Sachen gibt's. Später fällt mir ein, dass die Firma Liebherr aus Biberach ein Werk in Killarney hat. Das erklärt vielleicht, warum es einen Schwaben aus Ulm nach Irland verschlagen kann.
Inzwischen sitze ich in einer schönen Kneipe beim Bier, draußen geht ein Gewitter nieder und ich habe gerade das Gefühl, heute alles richtig gemacht zu haben.
Sollte ich jetzt dein Interesse geweckt haben, kannst du diesen Reisebereicht gerne käuflich erwerben und mich damit für zukünftige Aufgaben ein bisschen unterstützen.
Ganz einfach hier in meinem Shop auf dieser Webseite. Wenn du auf das Titelbild klickst, kommt du direkt dahin. Und natürlich auch auf meine weiteren Reiseberichte.
Diese gibt's dann jeweils als Taschenbuch, als Ebook im EPUP - Format oder als PDF - Datei. Die kann man ebenfalls wunderbar auf einem Ebook - Reader bzw. in der Tolino - App lesen.