Das Vorgeplänkel ist vorbei. Nach einer unproblematischen Zugfahrt in den hohen Norden habe ich drei schöne Tage auf dem Eutiner Marktplatz beim dortigen Bluesfest verbracht. Tolle Bands, tolle Stimmung, immer trocken geblieben, zwischendurch aber auch immer mal wieder den Hintern abgefroren. Kein gutes Omen für die Tour.
Heute morgen um kurz vor sieben Nieselregen auf dem Weg zum Bahnhof. Mit insgesamt 7 Umstiegen bin ich dann heute zu meinem Startort in Vlissingen an der westlichsten Ecke Hollands an der Nordseeküste gereist. Was soll ich sagen? Obwohl ich den IC, den ich ab Osnabrück gebucht habe, wegen einer starken Verspätung ignoriert habe und stattdessen einen Regionalzug genommen habe, war ich am Ende eine halbe Stunde vor der geplanten Ankunft da. Einen Campingplatz gibt's natürlich auch hier, wo ich dann wieder den Zeltaufbau üben durfte. Ist ja schließlich schon ein Jahr her.
Morgen früh geht's dann mit einer Fährfahrt über eine breite Flussmündung los. Immer entlang der Küste bis vermutlich Dünkirchen in Frankreich. Hier gedenke ich die Fähre nach Dover zu besteigen. Mich erwartet Wind aus Westen, also geradewegs von vorne. Nur nicht übermütig werden.
Neue Tour, neues Glück. Ich mach es heute relativ kurz. Der Wind hat mir heute alle Stecker gezogen, ich bin platt.
Also von vorne:
Die erste Nacht im Zelt: Kalt, aber trocken. Der Start: Bei Sonnenschein, kurz Frühstück kaufen bei Lidl, zum Hafen durchschlängeln, Ticket kaufen (7,90), Fähre über die Schelde, hier kommen alle Schiffe aus dem Rotterdamer Hafen vorbei. Auf der anderen Seite direkt auf den Radweg auf dem Deich. Der Wind volle Kanne von vorn. Ich nehme die Idee meines Bruders Hebbe auf, die Fähre nach England ab Ostende zu nehmen statt Dünkirchen. Das spart ca. 45 km.
Die einzigen Gedanken drehen sich nur um den Wind, Fotomotive gibt es kaum. In Blankenberge gibt's eine längere Pause. Irgendwo im Windschatten.
In Ostende stelle ich fest: Die Fähre nach England gibt's seit 1994 nicht mehr. Eigentlich bin ich kräftemässig am Ende, aber es hilft nichts. Der Wind formt inzwischen kleine Dünen auf dem Radweg, die Arme und Beine werden Sand gestrahlt, mein Kaugummi hat inzwischen 50 % Sandanteile.
Dünkirchen als Ziel muss ich abhaken. In Nieuwpoort suche ich einen Campingplatz. Die Rezeption ist schon geschlossen, auf einer Servicenummer meldet sich ein Hausmeister, der meint, ich müsste mich über die Webseite anmelden. Zelte sind jedoch nicht vorgesehen. Nachdem ich das dann auch noch persönlich mit ihm ausdiskutiert habe, fahre ich weiter. 11 km weiter werde ich aber fündig. 10 Euro. Auch hier ist die Rezeption nicht besetzt, nach einem kurzen Telefonat übernimmt ein Dauercamper diese Rolle.
Am Ende bin ich gereinigt, bekomme noch zwei Bier in der nahen Stadt und muss jetzt Schluss machen, weil ich mich innerlich auf die 20 km bei Gegenwind nach Dünkirchen vorbereiten muss.
CA. 110 km waren es heute, mit Geschwindigkeiten, die teilweise gegen Null gingen. Aber die Temperaturen waren ok.
Die Nacht war wieder kalt, feiner Nieselregen beim Aufstehen. Das Zelt nass zusammengepackt.
Was jetzt? Erst die Fähre buchen oder den Track erstellen? Geschätzt müssten es 25 km nach Dünkirchen sein. Also die Fähre um 12 Uhr. Kostet 65 Euro. Hätte ich vielleicht besser gestern machen sollen. Als zweites den Track. Und siehe da, es sind 39 km bis zur Fähre. Die liegt nämlich ziemlich weit außerhalb von Dünkirchen. Damit wird es bis 12 schon knapp. Macht aber nichts, ich darf auch bis zu 4 Stunden später fahren.
Start bei Nieselregen, der aber sofort in richtigen Regen übergeht. Der Gegenwind ist nicht ganz so stark wie gestern. Und dann kommt wieder eine Stelle, an der Komoot ziemlich heimtückischen agiert. An der fahre ich prompt vorbei, was ich erst 6 km später in der nächsten Stadt bemerke. Ich versuche irgendwie abzukürzen, um auf den Track zurück zu kommen. Mein Handy spinnt total durch die Nässe auf dem Display. Letztendlich fahre ich den Weg wieder zurück und muss dann eine Zeitlang suchen, bis ich den von Komoot vorgeschlagenen Weg finde. Ein Sandweg durch einen Wald, der von einem Parkplatz abgeht. Stellenweise muss ich im hohen Sand schieben. Aber nach einem Km bin ich wieder auf Teer unterwegs.
Um halb 12 bin ich in Dünkirchen, aber zum Fährhafen sind es noch 16 km. Also definitiv die Fähre um zwei Uhr.
Das Einchecken funktioniert problemlos, ich bin als einziger auf der Autospur unterwegs. Am ersten Checkpoint erhalte ich mein Ticket, am zweiten ist gleich die Einreisekontrolle für England. Mein Visum ist direkt mit meiner Reisepassnummer verknüpft. Zusammen mit ein paar anderen Radlern werde ich direkt aufs zweite LKW-Deck gelotst. Nachdem ich mein Fahrrad fixiert habe, entdecke ich einen Lift, der nach oben geht. Zusammen mit zwei Truckern. Der eine drückt die 7. Er wird schon wissen, wo es lang geht. Ich fahre als auch bis zum 7. Deck und befinde mich sofort in der Schlange für die Essensausgabe. Das habe ich nicht erwartet. Gibt es fürs Ticket auch ein Mittagessen? Ein bisschen wundere ich mich schon. Aber es ist kein normales Publikum, sondern ausschließlich Trucker, erkennbar an den meist dicken Bäuchen und dem osteuropäischen Slang.
Ich werde freundlich bedient, erhalte Chicken in mediterraner Sosse und Pommes. Ok, ich nehme, wie es kommt. Der Kaffee ist auch gratis. Am Ende der Fahrt sehe ich dann, dass die 7. Etage für die ROADKINGS reserviert ist. Bin ich ja auch, halt anders.
Während der ganzen Überfahrt herrscht dichter Nebel und es regnet. Aber in Dover wird es weniger und ich beschließe, bis nach Canterbury weiter zu fahren. Ca. 35 km. Nachdem ich die Höhe der Kreidefelsen erklommen habe, lotst mich Komoot auf ausschließlich einspurigen Sträßchen nach Canterbury. Es nieselt nur noch leicht, der Wind kommt jetzt überwiegend von der Seite und manchmal sogar von hinten. Inzwischen habe ich mich entschlossen, ein Bett zu buchen, entweder in einem Hostel oder einem B + B. Bei einem Bier versuche ich das über Booking.com. Aber die Seite scheint nicht zu funktionieren. Also mal einfach so in der Stadt umschauen. Ein Taxifahrer kennt ein günstiges B + B. Also fahre ich hin und bekomme eine Minibude für 50 €. Mit funktionierendem WLAN.
Ab morgen wird das Wetter besser, der Wind könnte evtl. von hinten kommen.
Das waren heute ca. 90 km.
Es war warm in meinem Mini -Zimmerchen. Ich konnte mir auch noch einen Kaffee kochen und ein paar Kekse dazu futtern.
Als Tagesziel habe ich einen Campingplatz Nord - Östlich von London gewählt. Der Track geht fast bolzgerade nach Nordwesten, kurz vor London biegt er dann nach Norden ab und überquert die Themse. Viele kleine Wellen stecken wieder drin. Ich mach es wieder etwas kürzer: Entweder bin ich auf schmalen einsamen Straßen unterwegs oder auf Radwegen entlang der Schnellstraße oder Autobahn. In den etwas größeren Städten in Richtung London gibt's überhaupt keine Radwege, die Straßen und Gehwege, auf die ich manchmal ausweichen muss, sind völlig marode. Ich habe heute das Gefühl, überhaupt nicht voran zukommen. Inzwischen habe ich auch festgestellt, dass mein Internet nicht funktioniert. Den Track habe ich zwar auf der Uhr, trotzdem muss ich diesen immer wieder auf Komoot checken. Und da fehlen dann die Straßen in der Karte, weil die Verbindung fehlt. Bis Dartford komme ich trotzdem ganz gut durch. Aber an dem Abzweig, der Richtung Themse gehen soll, versagt meine Navigation vollständig. Die Uhr ist leer, die Position auf dem Handy bewegt sich nicht mehr. Auf mehrere Nachfragen erfahre ich, dass die Brücke über die Themse eine Autobahn-Brücke ist. Keine Chance mit dem Fahrrad.
Als letzter Ausweg bleibt mir jetzt nur der Zug nach London. Also Bahnhof suchen, Ticket kaufen und losfahren. Kurz vor London bleibt der Zug an einer Station stehen. Geht nicht mehr. Alle aussteigen, auf ein anderes Gleis, dort kommt ein Ersatzzug. Also Fahrrad die Treppen runter und wieder hoch. Ich fahre bis zur Endstation am Trafalgar Square und versuche über Google Maps Hotels in der Nähe zu finden. Das geht wenigstens. Weil ich aber online nicht buchen kann, fahre ich direkt hin und frage. Das erste hat voll, im zweiten bekomme ich ein Zimmer. Den Preis verrate ich lieber nicht. Das Zimmer ist fensterlos, das einzige Mobiliar ist das Bett. Das Bad ist immerhin sehr geräumig.
Nach dem Duschen schnell noch eine Runde durchs Viertel bis zum Big Ben und der ganzen Westminster -Choose. Wie ich da morgen rauskommen will, ist mir schleierhaft. Auf jeden Fall brauche ich noch eine Lösung für das nicht funktionierende Internet. Geradelt bin ich 84 km bei 1100 hm.
Sorry für alle, denen heute morgen die Morgenlektüre gefehlt hat. Ich habe immer noch kein Internet, keine Ahnung, warum.
Ich versuche es kurz zu machen.
Wie schon erwähnt, hatte das Hotelzimmer kein Fenster. Und ich wundere mich morgens, dass es nicht hell wird und döse immer weiter. Irgendwann klickt es doch bei mir, raus aus der Kiste, es ist 10 Uhr 20. Checkout-Time 10 Uhr. Schnell alles zusammen gerafft, um kurz vor 11 bin ich raus. Viel zu spät. In der Eingangshalle noch schnell einen Track erstellt, solange ich noch WiFi habe.
Aus London raus ist es einfacher als gedacht. 3 km an der Themse, danach quer durch, bolzgerade mit fast durchgängigem Radweg. Nach 22 km bin ich draußen, aber gefühlt alle 200 Meter ein Stop an einer Ampel. Irgendwann bin ich mal wieder an einer Schnellstraße unterwegs, der Radweg endet unvermittelt an einem Flatterband an der Baustelle einer Autobahn-Auffahrt. Wie hier durchkommen? Um Absperrungen herum, gegen die Fahrtrichtung, überall stauen sich die Autos. Ein Bauarbeiter entschuldigt sich sogar bei mir und meint, in 3 Wochen wäre alles fertig. Zu spät für mich, sage ich.
Kurz danach bin ich in Brentwood. Dort befindet sich ein Handyladen. Ich frage den Typen hinterm Tresen um Rat. Er meint, ich sollte vielleicht McAffee deinstallieren, das würde manchmal Webseiten blockieren. Hilft nicht. Er hat auch keine Idee mehr.
Provider anrufen, Ok, ich probiere es. Ich rufe außerhalb der Geschäftsreisen an. Mittags um 4, ich fasse es nicht. Ok, ich hab nicht an Himmelfahrt gedacht.
Es ist viel zu spät für den anvisierten Campingplatz. Der ursprünglich für gestern geplante ist aber in der Nähe. Dann wirds heute halt kürzer. Wird es nicht, der Platz ist dauerhaft geschlossen.
Ok, das gibt dann heute eine Aussenübernachtung, gibt ja viel freie Natur. In Chelmsford nochmal eine Siesta, noch ein Bier und Wasser für die Nacht gekauft und dann einen Platz suchen. Gar nicht so einfach. Immer entlang der Autobahn, viele kleine Orte, dazwischen große Farmen, die alle ihren Claim abgesteckt haben.
Letztendlich lande ich hinter Boreham auf einer kleinen Wiese zwischen der Autobahn und der daneben verlaufenden Eisenbahn. Es wird eine unruhige Nacht
Achso, das Wetter. Angenehme 23 Grad, der Wind meistens von hinten. Ca. 90 km.
So eine Nacht an der Autobahn geht auch rum. Ich scheine doch ein bisschen geschlafen zu haben, trotz Dauerlärm. Mein Handy ist jetzt komplett leer, nachdem ich es mit einem USB-C Anschluss an die Powerbank angeschlossen habe. Damit ist jede Orientierung futsch. Im nächsten Dorf gibt es einen Coop. Der Bedienste hängt es an die Steckdose. Da fällt mir dann ein, dass ich noch das Ersatzhandy dabei habe, er hilft mir mit einer Sicherheitsnadel, die Sim-Karte von einem zum anderen zu bringen. Also wieder anrufen beim Provider. Jetzt scheitere ich aber, weil ich meine Kennnummer nicht kenne. Weil aber auch dort das Internet nicht funktioniert, kann ich nicht auf Komoot zugreifen. Als ich wieder ein bisschen Strom auf dem Handy habe, kann ich mich über den alten Track von gestern orientieren. Es ist alles schon ein bisschen Slapstick. Dabei fällt mir dann nebenbei auch noch das Brillenglas meiner Lesebrille raus. Nichts passiert, ich kann es wieder reindrücken.
Danach läuft es einigermaßen. Auch heute wechseln sich Single -Trails mit Autobahnen oder Schnellstraßen ab. Wieder kommt eine Baustelle, wo ich aber diesmal sauber durchgeleitet werde. Und es gibt auch hier wieder eine Entschuldigung. Nächste Woche wäre man fertig.
Um halb drei genehmige ich mir ein Moretti an einem weiteren Coop, während drinnen noch mal Strom auf mein Handy geladen wird. Zwischendurch spiele ich mal wieder an den Einstellungen rum. Ich betätige im übertragenen Sinne einen Ein/Aus-Schalter und plötzlich geht mein Internet wieder. Es ist verrückt.
Inzwischen habe ich mir einen Campingplatz direkt am Meer auserkoren. Dazu brauche ich aber noch eine Fähre in Harwitch. Sollte kein Problem sein, so früh am Tag. 3 km vor der Fähre mache ich noch eine Vesperpause. Um halb fünf bin ich dann da, die letzte Fähre seit 20 Minuten weg. Scheisse. Sorry. Morgen wieder.
Wo ich denn jetzt campen könnte? Drei km zurück ist der Holidaypark, da kann ich zelten. Von wegen. Die Dame an der Rezeption schüttelt freundlich, aber auch deutlich den Kopf. Keine Zelte. Sie schreibt mir aber gleich eine Adresse auf. Nochmal 5 km zurück. Castle Inn and Campsite. Eine Kneipe mit Campingplatz.
Stimmt. Es steht sogar schon ein Zelt da. Die Dusche ist einfach aber sauber. Und zum Dinner gibt's fish and Chips. Und diesen Text tippe ich mit dem WIFI der Kneipe, weil mein Internet wieder weg ist. Pleiten, Pech und Pannen.
Ca. 75 km, Wetter und Wind wie gestern.
Die Nacht war ruhig, zum ersten Mal nicht gefroren. Die Riesenportion Fish and Chips und mehrere Biere haben mir gut getan.
Ich hab keine Ahnung vom Fahrplan der Fähre. Um halb 10 bin ich da, um 10 Uhr 10 geht die erste. Das langt noch für einen Kaffee. Die Fähre entpuppt sich als kleiner Kahn. Mit mir gehen 3 Radler und ca. 10 andere Personen an Bord. Die beiden anderen sind mit dem E-MTB und ziemlich Schwergewichtig unterwegs. Der eine sogar mit einem gelähmten Arm. Die Fährt dauert nur 20 Minuten und geht durch den Containerhafen. Auf der anderen Seite gibt's keinen Anleger. Ausstieg nach vorne direkt auf den Kiesstrand. Der Behinderte versucht im tiefen Kies sein MTB zu besteigen, was nicht richtig gelingt. Er steht in der falschen Richtung. Sein Kumpel ist schon weg und ich beobachte, was da kommt. Nach 3 Metern liegt er schon im Kies. Ich helfe ihm auf, bringe mein Rad auf den festen Weg und hole dann seines. Alles unter Beobachtung seines Kumpels.
Jetzt wird es wie im Urlaub. Die nächsten Km geht es eine Strandpromenade entlang. Aber dann führt der Weg ein bißchen ins Landesinnere, es ist warm, der Wind kommt von hinten. Immer wieder überraschende Verläufe, Waldwege, Singletrails, zurück auf Hauptstraßen.
Dann kommt nochmal eine kleine Fähre über einen Fluss, vielleicht 100 Meter. Der Skipper putzt gerade den Steg. Ich hieve mein Rad aufs Boot, ein 2. Passagier ist auch noch da. Beim Einsteigen trällere ich 'Don't pay the ferryman.....', der Skipper grinst und fährt los. Und dann sage ich, dass ich kein Cash habe. Was macht er? Dreht um, legt wieder an und schickt mich zum Zahlen ins Café am Steg. Er bringt dann in der Zwischenzeit den anderen Passagier rüber. Beim zweiten Versuch klappt es dann.
Eine Tagesziel habe ich noch nicht festgelegt, ich tendiere zu einer freien Übernachtung. Wenn nur die Sache mit dem Strom nicht wäre. Immer das gleiche Thema. Die Solar -Powerbanks taugen einfach nichts.
Bei km 70 schau ich auf meiner Campingplatz-App nach einem Platz. 32 km weiter wäre da einer. Ok, überredet.
Was soll ich sagen? Das ist wieder ein Holidaypark, der keine Camper nimmt. Wie gestern schon. Aber der Pförtner kennt einen anderen, 1,5 km weiter. Der kostet 20 Pfund und hat keine Steckdosen in den Sanitärräumen. Alles Verbrecher. Dafür finde ich einen freundlichen Dauercamper, der meine Geräte auflädt. Ich bin wieder der einzige Zelter. Vermutlich bin ich der einzige Fernradler, der noch auf Campingplätze geht. Wenigstens habe ich mich noch mit zwei Moretti eingedeckt.
106 km, 750 hm waren es heute.
Heute morgen weht beim Aufstehen ein merklich frischerer Wind. Und der wird mal wieder von vorne kommen, weil es jetzt nach Nordwesten geht. Drei Tage Rückenwind ist auch wirklich zu viel des Guten. Es wird ein eher langweiliger Tag, die Wolken sind ziemlich dicht, die Sonne entsprechend spärlicher. Was ich weiß: Ich sollte heute über 100 km kommen, weil mein Ziel von morgen schon feststeht. Das ist 220 km entfernt. Meine erste Warmshowers-Übernachtung auf der Tour. Habe ich gestern Abend klar gemacht.
Das setzt einen natürlich ein bisschen unter Druck.
Die Landschaft ist auch heute wie immer, seit ich englischen Boden betreten habe. Grün, flach, manchmal eine Welle, oft überraschende Streckenverläufe. Die schmalen Landstraßen sind meist von Hecken gesäumt, da fährt man wie im Tunnel. Zum Bilder machen fehlen die Motive. Sonst helfen ja immer noch die Kirchen, die sehen aber in England alle gleich aus. Ein viereckiger Wehrturm, mal mit, mal ohne Spitze. Und vermutlich alle aus dem 14. Jahrhundert.
Spannend wird es erst ab km 80, da denke ich wieder über einen Übernachtungsplatz nach. Drei potentielle liegen auf meiner Strecke. Der erste? Existiert nicht. Vom zweiten gibt's immerhin noch ein Schild an einer Hauswand. Der dritte, der noch kommt, gehört zu einem 5* -Hotel, da weiss ich schon, was mich erwartet. Vorher sehe ich aber noch einen Wegweiser zu einem Caravanplatz an einem See. 2 Meilen abseits, die riskiere ich. Eine Kneipe, viel freies Gelände drumrum. Zwei Wohnwagen auf einem Kiesplatz. Ich frage den Wirt, ob ich auf der Wiese mein Zelt aufstellen kann. Ich darf. Weil es gerade jetzt zu nieseln beginnt, ziehe ich es vor, weiter unter die Bäume zu gehen und lande direkt an einem kleinen Tümpel. Perfekt. Wasser, Bier und Strom bekomme ich in der Kneipe, eine Käseplatte steht zur freien Verfügung direkt neben mir auf dem Tisch.
125 km waren es heute bei 890 hm.
Mein Übernachtungsplatz war ruhig, Beim Aufstehen scheint die Sonne und gefühlsmäßig ist es windstill. Das ändert sich aber schnell, von Minute zu Minute wird es mehr. Ich bin zunächst wieder in nordwestlichen Richtung unterwegs. Es ist heute komplett flach, die Landschaft genauso wenig spannend wie gestern. Spannung kommt nur dann auf, wenn ich immer mal wieder auf die Bundesstraße muss, die mich heute begleitet.
Das Tagesziel steht fest, die Nacht werde ich bei meinem Warmshowers-Gastgeber David in Horncastle verbringen. Nach 103 km bin ich da und er holt mich am kleinen Marktplatz ab. Er kann mich nicht verfehlen.
Es hat noch einen Termin heute Abend mit seiner Theatergruppe, deshalb bin ich jetzt in der Stadt unterwegs und sitze an der Bar des Kings Head mitten zwischen lauter unverständliches Englisch sprechenden Menschen. Ich kann mich fast überall auf der Welt in Englisch unterhalten, aber in England fällts mir irgendwie schwer. Dieser Slang ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. In Schottland solls noch schlimmer werden. Mein Gastgeber ist Spanisch -und Französisch Lehrer und redet sehr deutlich mit mir. Da geht's wunderbar.
Auch heute sind die Fotomotive rar, deshalb mal eine kleine Kirchenauswahl und ein bisschen Shoppingerlebnis in Horncastle.
Der Tag beginnt damit, dass zunächst nichts geht. Es regnet, es stürmt, aber lt. Wetterbericht kommt um 12 die Sonne raus. Da wird das Frühstück halt länger und zum ersten Mal auf der Tour lese ich wieder die Schwäbische. Um halb 12 bin ich startklar, da blinzelte sie schon ein bisschen. Der erste Teil der Strecke führt wieder in nordwestliche Richtung nach Lincoln, der Wind kommt also schräg von vorne. Ca. 15 km vor Lincoln bin ich auf einer ehemaligen Bahntrasse am Kanal von Boston nach Lincoln unterwegs. Auch heute sind die Motive wieder rar, das einzig richtige Motiv, die Kathedrale von Lincoln verpasse ich, weil ich auf eine nähere Perspektive hoffe. Wie doof kann man sein.
In Lincoln gibt's die erste Pause, danach dreht die Richtung nach Norden und der Wind kommt von der Seite. Dafür geht's jetzt in leichten Wellen den Berg hoch. Auf einem Höhenrücken habe ich das erste Mal seit langem einen weiten Überblick über flaches Land. Wobei hier vor allem zwei Kraftwerke mit vielen Kühltürmen ins Blickfeld rücken.
Einen Campingplatz kann ich heute nicht erwarten. Muss mich also mal wieder auf eine Aussenübernachtung einstellen. Weil ich aber so spät gestartet bin, lasse ich mir Zeit. Wie immer ist es gar nicht so einfach, bei den vielen Farmen mit ihren eingezäunten Territorien einen Platz zu finden.
Es wird bereits dunkel, als ich mich der Hafenstadt Goole nähere und im Hafengebiet ein etwas verwildertes ehemaliges Parkgelände entdecke, das sich bestens für meine Zwecke eignet. Man muss nur warten können. 115 km trotz Spätstart.
Nachdem es beim Zeltaufbau gestern Abend eine Minute geregnet hat, ist es anschließend trocken geblieben. Das Frühstück heute morgen habe ich dann gleich 200 Meter weiter in einem Coop eingenommen. Das erste Highlight heute ist ein Radweg einige Km vor York, an dem so etwas wie eine Jausenstation steht. Das habe ich bisher in England auch noch nicht gesehen. Allerdings ist hier schon lange keiner mehr bewirtet worden. York entpuppt sich als Stadt mit einer riesigen Pferderennbahn und einer schönen Innenstadt mit der mächtigen Kathedrale. Ich habs ja nicht so mit der Kirche, aber wenn nichts geht, sind sie das die einzigen beeindruckenden Motive.
Irgendwann nach York muss ich wieder auf die normale Straße, die jetzt in kleinen Stufen immer weiter ansteigt bis zu meinem Tagesziel Northallerton, das ich einzig deshalb ausgewählt habe, weil es fast genau 100 km entfernt vom Startpunkt war und etwas größer zu sein scheint. Die Suche nach einer Nächtigungsmöglichkeit habe ich mir heute bis zum Schluss aufgehoben. Um halb 5 bin ich da. Nach dem Verzehr einer Portion Fish und Chips frage ich Google nach einem Platz und werde tatsächlich in 3 km Entfernung fündig. Wobei das nach den bisherigen Erfahrungen nichts heißen muss. Aber diesmal stimmts tatsächlich. Eine große Wiese an einem Berghang, ein paar Zelte, ein paar Wohnwagen hinter einer Scheune und eine Holzbaracke als Sanitäranlage. 11,50 £, dafür mit Strom und kaltem Wasser in der Dusche. Oben auf dem Berg sowas wie ein keltischer Steinkreis. Wegen des starken Windes gehe ich hinter einer Hecke am Rand in Deckung. 109 km waren es insgesamt, dazu 700 hm.
Leichter Regen in der Nacht und leises Nieseln beim Aufstehen haben mich heute morgen etwas erschaudern lassen. Aber nach ein bisschen rumtrödeln war es dann trocken, sodass die Abfahrt mit nur kurzer Verzögerung erfolgen konnte.
Dafür war es dann den ganzen Tag stark bewölkt, immer mal wieder ein kurzer Schauer, aber nie länger als zwei, drei Minuten. Bis ich die Regenjacke rausgezogen habe, ist es meist schon wieder vorbei. Das Ziel ist heute klar, an Newcastle komme ich nicht vorbei. Deshalb nur eine kurze Etappe mit 82 km. Am Stadtrand gibt's zwar wieder einen 'wilden'' Campingplatz, darauf habe ich aber heute keine Lust. 15 km vor Newcastle bemühe ich bei einem jamaikanischen Bier Booking.com und finde relativ stadtnah ein Zimmer für 40£, mit Frühstück. Da kann man nicht meckern. Kurz vor der Stadt mache ich das erste Bild des Tages, den Engel des Nordens. Die ausgebreiteten Arme sind wohl aus einer Flugzeugtragfläche gebaut.
Das Hotel ist absolut ok, nach einem kurzen Spaziergang bin ich im Zentrum.
Interessant ist vor allem das Nebeneinander von alten Gebäuden und einigen hochmodernen Businessblocks. Und mittendrin das Stadion von Newcastle United.
Die vielen kleinen Wellen haben heute zu ca. 800 hm, bei 82 km geführt.
Jetzt sind es noch 200 km bis Edinburg, morgen bin ich mittendrin, wie es aussieht, ziemlich abgelegen.
Auch heute morgen wieder grau und Wolken verhangen. Lt. Wetterbericht sollte es auch regnen. Tut es aber nicht. Aber um 11 soll es aufreissen. Um 10 sitze ich auf dem Rad, aus der Stadt raus geht es diesmal einfach, mit vielen Stopps an den Ampeln. Überwiegend bin ich an der Schnellstraße unterwegs, die mich an diversen Kreisverkehren immer wieder vor Herausforderungen stellt. Nach ca. 20 km gibt's dann eine Alternative ein paar km weg davon. Dafür mit viel Berg und Tal, immer eingeschlossen von den Feldhecken, die fast keinen Blick übers Land erlauben. Jetzt kommt auch der bisher längste Anstieg, seit ich in England bin. Und von ganz oben sehe ich auch seit langem das Meer zum ersten Mal wieder. Nach 60 km erreiche ich Alnwick, die erste und gleichzeitig letzte größere Stadt vor Schottland. Hier scheint tatsächlich nichts mehr zu kommen, wo man sich später nochmal eindecken könnte. Angesichts der Wetterlage mit den vielen Wolken und den gelegentlichen Schauern scheint mir die Idee mit dem direkten Weg doch nicht so gut. Mit einem Umweg von 10 km könnte ich aber die Stadt Berwick direkt am Meer erreichen. Von hier aus sollten es dann noch ca. 90 km nach Edinburg sein. Die Strecke ist jetzt völlig einsam, Welle folgt auf Welle. Kurz vor Berwick checke ich die Übernachtungslage. Camper oder Caravanplätze gibt's, aber nichts für solche wie mich. Schon wieder Hotel? Google kennt auch eine Juhe mitten in der Stadt.
Ich finde sie sofort, kein Platz frei. Aber gegenüber im Hotel gäbe es bestimmt was. Stimmt, für den dreifachen Preis der gestrigen Nacht. Was bleibt mir übrig? Wenigstens warm und trocken. Auf die kalten Nächte stehe ich gerade nicht so.
Morgen bin ich in Edinburg, dort gibt es auf jeden Fall einen Ruhetag und damit Zeit, über den weiteren Verlauf nachzudenken.
116 km und 1280 hm kommen heute zusammen.
Teures Hotel, Frühstück geht extra. Dann habe ich mich auch noch zu einem Porridge überreden lassen. Ein Graus, ich hab genau einen Löffel probiert.
Draußen ist es wieder grau, als ich um halb zehn aufbreche. Ich muss gleich wieder an die Schnellstraße. Nach 6 km passiere ich die Grenze zu Schottland. Kurz danach geht's weg auf ein einsames Bergsträsschen, später folgt auch noch ein zweiter Berg, noch etwas höher. Bei der Abfahrt kommt dann der erste Regen des Tages. Bis ich unten am Meer bin, bin ich ziemlich durchgefroren. Dann ist es auch schon wieder vorbei. Nach der Hälfte der heutigen Strecke gibt's eine Pause in Dunbar, der Kaffee tut richtig gut. Die Sonne wärmt kurz, bevor kurz nach der Weiterfahrt der nächste Regen kommt. So geht es im Wechsel bis nach Edinburgh, wo ich gestern Abend schon ein Bett in einem Hostel für zwei Nächte gebucht habe.
Ich habe jetzt 2 Tage Zeit für eine Entscheidung. Ich muss den Norden von Schottland nicht um jeden Preis machen. Das Wetter wird die nächsten Tage nicht besser, der Regen vielleicht ein bisschen wärmer. Ein zweites Nordkap wird's nicht geben. Nachdem mir auch meine Freunde schon alles schlechte prophezeit haben, werde ich auf jeden Fall rechtzeitig die Notbremse ziehen.
98 km und genau 1000 hm waren es heute.
Heute gab es eine Entscheidung.
Ich habe keine Lust mehr auf Kälte, Nässe, schlechte oder nicht vorhandene Campingplätze, teure Hotels, teures Bier und seltsames Verkaufsgebahren in den Supermärkten. Deshalb drücke ich jetzt die Stopptaste, je nach Lust, Laune und Wetter auf dem Festland auch nochmal den kleinen Resetknopf.
Der Wetterbericht für den Norden Schottlands hat mir den Rest gegeben.
Morgen früh setze ich mich in den Zug nach London und von dort weiter nach Dover. Auf die Fähre würde es mir auch noch reichen, aber dann würde ich abends um halb zehn noch 20 km außerhalb von Dünkirchen hängen.
Wie es dann auf dem Festland weitergeht, lasse ich auf mich zukommen.
Sorry, dass jetzt die Morgenlektüre wegbricht.
Heute gab es einen richtigen Faulenzertag in Edinburgh. Ein kleiner Spaziergang zum Bahnhof und zur Altstadt, wo ich mich in die Touristenmassen einreihen konnte. Das interessanteste war allerdings der Aufbau der Festivalbühne vor dem Schloss. Wenigstens ist es heute trocken geblieben.
Nach meiner Entscheidung, die Tour abzubrechen, war irgendwie die Luft raus. Einen Plan B hatte ich nicht. Einfach in England wieder in Richtung Süden zu fahren, machte für mich auch keinen Sinn. Auf dem bisherigen Weg habe ich bisher Autobahnen, Schnellstraßen oder Hecken gesehen, das würde auch auf einem anderen Rückweg nicht besser werden. Oder irgendwie in den Süden fahren und nochmal von vorne anfangen, machte für mich auch keinen Sinn. Je nach Wetter auf dem Festland wollte ich wenigstens für einen versöhnlichen Abschluss noch ein paar Tage radeln - bei vernünftigem Wetter , versteht sich.
Die Buchung der Rückfahrt per Zug am Montag ist problemlos: 8 Uhr 52 ab Edinburgh - Ankunft in London 14 Uhr 50. 89 Pfund. Um 16.04 weiter nach Dover. 17.10 da. Alle Züge sind auf die Minute pünktlich. Buchung eines Hostels in der Innenstadt von Dover. In Dover ist nicht nur das Hostel heruntergekommen, sondern die ganze Stadt, erstaunlich bei so viel Kundenfrequenz. Aber die fahren halt alle nur durch. Ein Bier gibt's aus dem Laden, anschließend einen Burger im Dönerladen, einen letzten Absacker im Pub.
Die Fähre am Dienstag morgen ist für 10 Uhr gebucht, aber ich nehme die um 8 und werde versuchen, von Dünkirchen aus in Richtung Holland zu kommen. Den gleichen Weg wie auf dem Hinweg will ich eigentlich nicht radeln. Im Internet finde ich allerdings keine Verbindung.
Kurz vor der Ankunft in Dünkirchen hagelt es auf der Nordsee, dann macht es aber auf. Der Wind kommt heute wunderbar von hinten. Vom Bhf. Dünkirchen geht kein Zug in Richtung Holland oder Belgien. Also radle ich, inzwischen ist es richtig angenehm. Allerdings sind es bis zur Fähre nach Vlissingen ca. 160 km. In Belgien gibt es eine Straßenbahn, welche die Orte an der Küste verbindet. Vielleicht kann ich mit der ein bisschen abkürzen. Proviant fassen kurz vor der belg. Grenze, Vesper dann in Belgien. David aus Essen taucht auf. Es gibt ein lockeres Gespräch, er lädt mich gleich ein, bei ihm in Duisburg zu übernachten, wenn's passt. Ich trinke mein Bier noch und vergesse nebenbei wieder den Riemen an der Sattelstützentasche zu schließen. Das merke ich dann 10 km weiter.
In Nieuwpoort kaufe ich ein Straßenbahnticket, komme aber wegen Überfüllung nicht rein. Also radle ich los und steige 10 km später in die nächste, diese fährt bis Knocke, ca. 27 km vor der Fähre nach Vlissingen, insgesamt etwa 45 km gespart. Eine ziemlich alte Frau, ca. 85, mit Fahrrad und Gepäck, spricht mich an, sie hätte keinen Strom, ob ich sie führen könne. Sie muss die Fähre nach Vlissingen noch erwischen. Nach dem Aussteigen aus der Bahn fällt mir erstmal das Handy runter. Sie fragt bei anderen Passanten nach dem Weg. Bis ich mein Handy wieder betriebsbereit habe, ist sie weg. Mich plagt ein bisschen das schlechte Gewissen und fahre noch ne kleine Runde, in der Hoffnung, sie noch zu sehen. Kurz vor der Fähre kommt ein Campingplatz, ein Restaurant ist vorhanden, also rein. Die Rezeption ist bereits geschlossen. Nach dem Duschen stelle ich fest: Das Restaurant ist auch geschlossen. Nichts zum essen dabei. Dann stelle ich fest. Ich habe meine lange Outdoor - Hose verloren. Das war der offene Riemen an meiner Tasche. Das wird eine hungrige Nacht. Ca. 120 km waren es bis dahin.
Die Nacht war eiskalt, alles ist nass und klamm. Um 8 bin ich fertig, die Rezeption öffnet um 9. Der Laden sollte schon offen sein. Ist er aber nicht, die Leute stehen davor, also weiter ohne Proviant. Die Fähre in Brekeren sehe ich wegdampfen. Um 7 min. verpasst, also heißt es fast eine Stunde zu warten. Eine Schülergruppe mit Rädern ist auch da, es wird voll.
Der Zug drüben Richtung Nijmegen geht eine Viertelstunde später. Das Ticket gibt's am Automat. Lt. Plan muss ich 2 mal umsteigen. Geplant sind 3 Stunden Fahrt. Nach dem ersten Umstieg in Roosendaal sitze ich im Zug und warte auf die Abfahrt. Die Fahrt soll nur 18 Minuten gehen bis zum nächsten Umstieg, zwei Haltestellen. Die Schaffnerin kommt, sie will ein Fahrradticket sehen. Dann bekommt sie die Nachricht, dass dieser Zug ausfällt. Keine Angabe von Gründen. Sie hat also Zeit, geht mit mir an den Automaten und hilft mir beim Ticketkauf fürs Fahrrad. Und dann gibt sie mir auch noch einen Kaffee aus. Und dazu kaufe ich mir noch zwei 'pain au chocolat', die erste feste Nahrung seit gestern Mittag. Der nächste Zug eine halbe Stunde später fällt ebenfalls aus, also empfiehlt sie mir eine Alternative auf einem anderen Gleis. Den schaffe ich gerade noch auf den letzten Drücker. Der Anschlusszug an diesen fällt dann auch aus. Es ist wie daheim. Insgesamt komme ich dann mit 1,5 Stunden Verspätung in Nijmegen an. Es ist bereits 15 Uhr.
Ab hier gedenke ich jetzt noch einige Zeit am Rhein zu fahren. Ein mögliches Ziel ist Koblenz. Das wäre ein guter Ausstieg, weil ich bis hierher schon mal gekommen bin. Inzwischen ist es richtig warm. Der erste deutsche Ort ist Kranenburg. In einer Kneipe gibt's Spagetti Bolognese und ein Weißbier. In Kalkar bei Lidl eine Schale Erdbeeren. Zeltplätze gibt's hier keine, also Suche auf Booking.com. In Vynen bei Xanten werde ich fündig, 50 €, Landhaus am See. Ein Drecksloch. Winzig, ohne Fenster. Inkl. Bad max. 10 qm. Die bekommen von mir eine saubere Bewertung. Beim Griechen im Ort folgt jetzt noch ein Bauernsalat. Insgesamt nur 49 km geradelt. Das Nachteil des schönen Wetters aus dem Süden: Ein harter Gegenwind.
Nachdem ich meine ungastliche Unterkunft um halb neun verlassen habe, geht's nach Xanten. Hier gibt's eine große Römeranlage in einem archäologischen Park, vieles ist restauriert. Sehr interessant: Die alte Römerstadt wurde nicht überbaut, wie das früher scheinbar oft so üblich war, sondern die Neue wurde an anderer Stelle gebaut, weshalb viele Fundamente und Relikte erhalten geblieben sind. Frühstück gibt's bei Penny, den Kaffee für 1 €.
Weiter geht es meist entlang von Land-u. Bundesstraßen, den Rhein sehe ich das erste Mal nach 50 km in Uerdingen. Dazwischen, wie bei Komoot üblich, auch wieder einsame Gravelpfade, die irgend ein Eck abkürzen. Dann zur Abwechslung wieder Hafenanlagen, Industriegebiete, viel Verkehr. In Dormagen nehme ich ein Bier. Ich habe vorsorglich den städtischen Campingplatz in Köln angeschrieben, ob ich dort auch zelten darf. Jetzt lese ich die Antwort, ich sollte um 18 Uhr da sein. Eigentlich sind es nur 26 km, aber es herrscht wieder starker Gegenwind, dazu Umleitungen, schlechte Radwege in Köln und allerlei Behinderungen. Der Platz ist 5 km entfernt vom Zentrum im Süden von Köln, auf der Deutzer Flussseite. Aber sehr schön. Alle sind freundlich, es ist viel Betrieb, schöne Sanitäranlage, incl. Kochgelegenheiten. Ich habe heute aber einen anderen Plan. Wenn ich schon mal da bin, will ich auch in die Stadt. Dazu muss ich über die Brücke direkt beim Campingplatz gehen, zur Linie 16. Der Hammer: Die nächste, die kommen sollte: Fällt aus. Jetzt glaub ich es wirklich. ICH BIN SCHULD. Dann nehme ich halt die 17. Die fährt aber nur bis zum Severinplatz, dem Zentrum der Kölner Südstadt. Auch recht. Das Touri - Gedöns könnte ich heute eh nicht ab. So gibt's Currywurst mit einigen Kölsch. Nach 124 km bei starkem Gegenwind genau das Richtige.
Heute ist es schon heiß beim Zusammenpacken. Die erste Nacht im Zelt, in der ich nicht gefroren habe. Man muss nur warten können. Das Ziel ist also klar. Bis Koblenz sind es ca. 90 km. Um 15 Uhr 04 könnte ich dort in den Zug steigen und meine Tour damit beenden. Allerdings ist heute Freitag, der 13. Da kommt bahntechnisch vermutlich einiges auf mich zu.
Der Wind bläst wieder zuverlässig aus Süden, aber bis auf ein Rheinschleife am Anfang, die abgekürzt wird, bin ich heute fast ausschließlich direkt am Rheinufer unterwegs. Was es auch nicht unbedingt leichter macht, weil der Radweg eine ewige Rüttelstrecke ist. Zumindest ist es jetzt landschaftlich endlich mal schön, links und rechts begleiten jetzt die Hügel des Siebengebirges und sonstige Erhebungen den Fluss. Heute ist richtige Sommerhitze. Und dann bin ich ca. 10 km vor Andernach, ich knalle etwas hart mit dem Vorderrad auf eine Kante und schon wird der Reifen weich. Bis jetzt bin ich gut im Zeitplan für den geplanten Zug, aber damit hat sich das erledigt. Ein zufällig des Wegs kommender E-Biker hilft mir mit seiner Elektropumpe aus, derweil ich meine vergessen habe. Dies hilft mir nochmal bis nach Andernach, wo ich tatsächlich einen offenen Radladen finde, der mir aus der Patsche hilft. Aber jetzt wird die Zeit knapp. Einen Zug eine halbe Stunde später könnte ich aber noch erwischen. Jetzt wird es die Hetzerei, die ich absolut vermeiden wollte.
Ich stehe genau zur Abfahrtszeit vor dem Koblenzer Bahnhof und denke, das war's jetzt. Erst mal runterkommen und ein Weißbier nehmen. Während des Zapfvorganges stelle ich dann fest, dass der
erste Zug um 15 Uhr 04 sowieso ausgefallen wäre und dass der um 15 Uhr 31 eine halbe Stunde Verspätung hat. Aus dem Weizen wird ein Sturzbier, kurz danach stehe ich auf einem rappelvollen
Bahnsteig, der Zug kommt und ich drücke mein Fahrrad unter leichter Gewaltanwendung in den Zug, der Schaffner protestiert zwar, aber ich bin drin. Jetzt muss ich von Bahnhof zu Bahnhof checken,
wie es weitergeht, aber es funktioniert anschließend alles. Um 23 Uhr 12 laufe ich in Biberach ein.
Geradelt bin ich heute auch nochmal genau 100 km. In einer mondlosen und lauen Nacht taste ich mich anschließend nach Reute, nachdem ich an der Tanke noch mein Frühstück eingekauft habe.
So kurz nach der Reise ist es wirklich schwer, ein abschließendes Fazit zu ziehen. Ich muss aber zugeben, dass ich nicht richtig bereit war für England. Körperlich war ich nicht in der Form, in der ich eigentlich sein wollte. Mental habe ich mich immer vom möglichen Wetter beeinflussen lassen. Eine Schlechtwetter - Orgie wie bei meiner Fahrt ans Nordkap wollte ich mir auf keinen Fall geben. Wenn dann die eigenen Freunde noch rumflachsen, dass man demnächst nicht nach England oder Schottland fahren sollte, weil ich ja da bin, ist das zwar als Spaß gemeint, hinterlässt aber Spuren.
Subjektiv betrachtet fällt mir im Nachhinein kein Grund ein, warum man überhaupt nach England fahren sollte.
Ein Wochenende in London, ok, aber sonst? Die Städte sind ein Graus, von der Landschaft habe ich nichts gesehen. Stichwort: Hecken und Autobahnen.
Einkaufen in England: Es ist nicht möglich, im Supermarkt einen einzelnen Joghurt oder eine einzelne Dose Bier zu kaufen, alles nur im Sixpack - oder größer zu haben. Brot bei Aldi oder Lidl? Nur abgepackt und lätschig? Die Preise sind jenseits von gut und böse, Campingplätze sind entweder Geisterplätze bzw. völlig heruntergekommen oder Luxus - Feriendestinationen, auf denen Camper wie ich nicht vorgesehen sind. Wildcampen theoretisch möglich, aber praktisch fast nicht.
Viele kleine Pannen, nix Gravierendes, aber völlig nervig. Entweder dem Alter geschuldet? Oder nur Pech gehabt? Dann mach ich auch immer wieder die gleichen Fehler, obwohl ich eigentlich inzwischen so viel Routine haben sollte. Aber: Dank meiner sprichwörtlichen Gelassenheit habe ich alles bzw. das meiste locker weggesteckt. Aber es gibt mir zu denken. Dann ist mir zum Schluss noch eingefallen, dass ich fast nie gesungen habe. Sonst habe ich das immer gemacht. Auf dem Fahrrad hat man ja Zeit.
Zukünftige Reisen wird es nur geben, wenn ich die drei folgenden Baustellen in den Griff bekomme: 1. Navigation, 2. Schlafsack, 3. Energieversorgung.
Ich weiß nicht, wer so alles bei meinen Blogs mitliest. Immer mal wieder bekomme ich ein Feedback von Leuten, die ich überhaupt nicht auf dem Schirm habe. Wenn ich dann mal was höre, sind es immer positive Stimmen. Es freut mich natürlich, wenn ich anderen Menschen mit meinen Berichten eine kleine Freude machen kann. Für manche gehört es scheinbar zur Morgenlektüre.
Eigentlich war es nie meine Absicht, daraus Bücher zu erstellen. Da ist Corona schuld dran. Ich hab's eigentlich nur zum Spaß und für mich aufgeschrieben.
Trotzdem würde ich mich freuen, wenn der eine oder andere sich meine Werke in gedruckter oder digitaler Form für kleines Geld auf meiner Webseite oder auch über andere Kanäle kaufen würde. Am liebsten verweise ich an dieser Stelle aber auf meinen Shop. Was ich allerdings mit dieser Tour mache, weiß ich noch nicht.