Malaga - Biberach 2017

 Auszug aus dem Reisetagebuch 

 


Einleitung


Nachdem ich 2015 und 2016 meine erste längere Rentnertour ans Nordkap und wieder zurück unternommen habe, hatte ich mir vorgenommen, das nächste Mal irgendwo hinzufahren, wo es bedeutend wärmer und trockener ist. Also lag die Vorstellung nahe, die Tour nach Süden zu verlängern und damit am Ende ganz Europa von Nord nach Süd per Rad gefahren zu sein.

Weil es von Anfang an eine One-Way-Tour sein sollte, wollte auch die Rückreise bzw. der zweite Weg wohl überlegt sein. Innerhalb Europas gibt es zwei Möglichkeiten: Zug oder Flieger. Vom Süden Spaniens nach Biberach ist es mit dem Zug schon eine ziemliche Strecke, da bietet sich eigentlich eher der Flieger an. Mittlerweile ist das kein Problem mehr. Ein Fahrrad als Gepäckstück geht immer.  Dabei muss allerdings immer noch beachtet werden, dass ein Fahrrad im Flieger eingepackt sein muss (sollte!).

 

Diese Erkenntnis war dann letztendlich dafür ausschlaggebend, die Tour in Malaga beginnen zu lassen und von dort heimzufahren. Es ist einfacher, dort einen Radkarton zu vernichten und zu entsorgen als einen aufzutreiben.

So nahm der Plan langsam Gestalt an und das Flugticket von Memmingen nach Malaga war schnell gebucht. Ca. 180 Euro waren zusammen mit dem Fahrrad abzudrücken. Starttermin sollte der 15. Mai 2017 sein, insgesamt habe ich ca. 4 Wochen für die Radreise eingeplant. Im Mai würde es im Süden Spaniens bestimmt schon einigermaßen warm sein und nach Norden in Richtung Frankreich würde ich dann langsam in den Sommer reinfahren.

 

Grob geschätzt wird die Strecke etwa 2500 km lang sein. Je nach Streckenverlauf in Frankreich können auch noch ein paar Kilometer dazu kommen. Außerdem wird‘s nach der bisherigen Erfahrung immer etwas mehr. Weil ich immer versuche, das Gepäck überschaubar zu halten, habe ich auch diesmal stark reduziert. Zelt, Isomatte und Schlafsack sind obligatorisch, aber auf Kochgeschirr und Ähnliches habe ich verzichtet. Warme Klamotten wie am Nordkap waren auf jeden Fall nicht nötig. Über die Camping-Infrastruktur in Spanien war ich mir nicht ganz im Klaren, weil ich eine Strecke durchs Binnenland gewählt habe, wo der Tourismus bestimmt nicht die gleiche Rolle spielt wie an der Küste.  Da habe ich einfach drauf gehofft, dass es auch im Binnenland Zeltplätze gibt. In Frankreich ist das mit Sicherheit kein Problem, dort hat jedes Dorf und jede Stadt einen kommunalen Campingplatz. Hoffentlich!

 

Mit der Wahl des Fahrrads war es diesmal ganz einfach. Mein Mountainbike, mit dem ich am Nordkap war, wurde mir nach meiner Rückkehr in Biberach geklaut, nachdem ich kurz vorher noch 500 Euro für allerhand Kleinteile reingesteckt habe.  Also musste ich noch ein neues Fahrrad kaufen und habe mich für ein Crossbike entschieden, das sowohl Alltags - als auch Langstreckentauglich ist. Hier konnte ich auch einen Gepäckträger montieren und Satteltaschen statt eines Anhängers verwenden. Die profillosen 32 er-Reifen sollten auf Spaniens Straßen kein Problem sein.

 

 

 


Montag und Dienstag, 15.-16. Mai - Malaga


Mein Ryan-Air-Flieger startet am Montag, den 15. Mai um kurz nach halb neun am Abend in Memmingen nach Malaga. Mein Fahrrad ist ordnungsgemäß im Radkarton verpackt, das Gepäck ist diesmal in Satteltaschen verstaut.

Das Zelt, ein bisschen Werkzeug und die Radschuhe befinden sich im Karton, die beiden Satteltaschen habe ich zu einem handlichen Paket zusammengeschnürt. Dieses Paket gebe ich als normales Fluggepäck auf, meine Sony-Kamera und das Tablet befinden sich im kleinen Handgepäck-Rucksack.

Bei meiner Reise ans Nordkap habe ich einen Anhänger mit dem Gepäck hinter mir hergezogen, in Spanien ist das verboten.  

 

Bei meiner Vorbereitung für Spanien habe ich zufällig einen Artikel im Internet gefunden, in dem das Verbot des Anhängers drin stand. Der Witz dabei: Bis zu einem Gesamtgewicht von 4 kg incl. Anhänger wär‘s erlaubt. Aber das macht natürlich überhaupt keinen Sinn. Außerdem stand da noch was von Helmpflicht, aber das habe ich   ignoriert. Andererseits hätte ich das von meinen diversen Rennradwochen in Mallorca auch schon wissen müssen. Aber das war bisher überhaupt kein Thema, weil man als Rennradler in der Gruppe sowieso immer mit Helm fährt.  Also, sei‘s drum, ein Helm war nicht vorgesehen.

 

Mein Bruder Erwin holt mich um sechs Uhr ab und bringt mich mitsamt Fahrrad nach Memmingen. Der Check-In ist problemlos. Diesmal habe ich keine Öl-Spraydose im Radkarton versteckt. Die zusammen gebundenen Satteltaschen werden als Gepäckstück akzeptiert.  Die Ankunft in Malaga ist  kurz vor Mitternacht, aber einen Plan für die weitere Nacht habe ich keinen. Mir ist aber klar,  dass ich in der Nacht nicht noch in die Stadt radle, so ohne Licht. Also lasse ich mir erstmal Zeit. Auf dem Flughafen ist kaum mehr was los. Die Ankunftshalle ist fast leer.

 

Nachdem ich mein Fahrrad in Empfang genommen habe, baue ich es erst mal gemütlich zusammen. Vorderrad rein, Lenker festmachen, Pedale montieren, Sattel festschrauben, fertig.

Und jetzt? Wohin mit dem Karton? Ich mache kleine Stückchen draus und verteile diese auf die umliegenden Papierkörbe in und vor dem Gebäude. Zwei Mountainbiker, die mit mir angekommen sind, machen es ebenso. Eigentlich hatte ich darauf gehofft, eine einigermaßen bequeme Sitzecke irgendwo zu finden, aber das ist leider nicht der Fall. Es gibt nur harte Plastiksitze. Ich bin nicht der Einzige, der hier rumlungert. Zwei Mädels aus England haben die gleiche Idee. Es wird eine harte Nacht auf den unbequemen Sitzen.

Ich bin froh, als es endlich anfängt zu dämmern. Da der Flughafen gar nicht so weit von der Stadt weg ist, schätze ich mal eine halbe Stunde für die Fahrt dorthin. Wie man sich so täuschen kann.

Das Problem beginnt direkt vor der Halle. Die Straße vor dem Gebäude führt direkt zu einem Autobahnzubringer. Fahrradwege kann ich nicht erkennen. Also jetzt erstmal auf dem Standstreifen los bis zu einem passenden Wegweiser. Nach einem Kilometer kann ich raus und komme über eine Radfahrerbrücke auf die andere Seite in ein Industriegebiet mit Einkaufszentrum.   Super, ein McDonalds steht da auch rum, also erst mal einen Kaffee. Aber der Laden hat noch zu.

Jetzt beginnt das große Kreiseln. Ich finde nicht raus und komme immer wieder an der gleichen Stelle vorbei. Nachdem ich mal ein Schild in Richtung Malaga gesehen habe, endet die Straße, die zu diesem Schild gehört, an einem Bauzaun. Nach der dritten Runde bei McDonalds vorbei, treffe ich einen Radler, den ich fragen kann. Englisch spricht er eigentlich nicht, aber er versteht mich trotzdem. Ich soll ihm folgen. Er ist auf dem Weg in Richtung Malaga zur Arbeit. Und tatsächlich: Er nimmt die gesperrte Straße mit dem Bauzaun. Da hätte ich noch lange kreiseln können.

 

Jetzt ist es ziemlich entspannt. Ein kurzes Stück müssen wir nochmal auf den Standstreifen der Autobahn, die an dieser Stelle einen Fluss überquert. Es ist die einzige Brücke weit und breit und er macht das jeden Morgen so. Das hätte mir schon zu denken geben sollen. Danach sind wir auf einem Radweg am Meer und er verabschiedet sich nach links weg. Ich kann jetzt immer geradeaus in Richtung Malaga radeln. Jetzt ist es wirklich nicht mehr weit. Am Hafen vorbei komme ich in Richtung Altstadt, finde ein schönes Plätzchen mit einem Café und kann jetzt die Szenerie und die Morgensonne genießen.

Über Booking.com buche ich ein Zimmer direkt im Zentrum für 44 € 

 Danach drehe ich eine weitere Runde durch die Altstadt und fahre nochmals an den Hafen und den Strand. Hier halte ich jetzt erstmal eine längere Siesta. Es fühlt sich an wie Urlaub. Ich muss eine Zeitlang in den verwinkelten Gassen suchen, bis ich die Straße mit meinem Hotel ‘Cinco Bolas‘ finde. Es ist ein kleines, schickes Appartement in einem winzigen Haus, das sich hinter einer Kirche und einem großen Bauzaun versteckt. Der Rest des Tages ist Touristenprogramm pur, mit rumlatschen, essen, trinken. Die Altstadt entwickelt sich am Abend zur Partymeile. Aber ich will ja keine Party, sondern mich am nächsten Tag auf eine ca. 2500 km lange Radreise machen.

  


Mittwoch, 17. Mai - Malaga - Mollina


Die erste Nacht in einem spanischen Bett liegt hinter mir. Die Sonne scheint und die Tour kann beginnen. Aber erst steht noch das Frühstück an. Ein Cafe con leche und ein Bocadillo. Das wird in nächster Zeit das Standardfrühstück. Wobei das Bocadillo, in der Regel ein belegtes Baguette, die unterschiedlichsten Formen und Ausmaße annehmen kann.

 

Raus aus der Stadt ist es ziemlich einfach. Aus der Altstadt immer auf der gleichen Straße Richtung Westen. Immer leicht ansteigend geht es bis zum Stadtrand.

Kaum hat man dann die Autobahn unterquert, ist man auch schon in den Bergen. Diese machen gleich einen komplett anderen Eindruck als unsere Berge. Kein Halm, kein Grün, alles sandfarben. Aber trotzdem schön. Und gleich an der ersten Abzweigung nehme ich den falschen Weg um einen Stausee herum, was zu der geplanten Strecke nochmals etwa fünf km und 300 hm Zuschlag ergibt. Es ist völlig einsam, eine karge, aber grandiose Landschaft begleitet mich. Die Bergstrecke führt nach Almogia . Die weißen Häuser liegen wie gemalt am Berg. An einem Aussichtspunkt, von dem der Ort aus betrachtet werden kann, lasse ich auch gleich meine Sonnenbrille liegen, was nochmals zu vier zusätzlichen km führt.

 

Ein Berg kommt nach dem anderen, den letzten Anstieg zum Berg El Torcal vor Antequera habe ich eigentlich nicht mehr so auf dem Schirm. Die ersten drei km sind  so um die 15 % steil. Es ist knackig. Die Mittagshitze knallt voll auf mich runter. Der letzte Anstieg zum Gipfel wird mir aber erspart. Das ist eine Sackgasse, die nur auf den Gipfel führt. Die Straße führt außen rum.

Trotzdem bin ich schon um halb drei an meinem geplanten Etappenziel in Antequera. Ich wollte es eigentlich langsam angehen, aber das geht natürlich nicht. Also nochmals 20 km im Flachland drauf gepackt. Es werden 30 km, weil die Straße, die mir ein Polizist empfohlen hat, sich als Autobahnzubringer entpuppt und ich wieder fünf km zurück muss. Ganz blöd, weil inzwischen ein ziemlich heftiger Wind weht. In diesem Fall auf dem Rückweg von vorne. Die richtige Straße geht parallel zum Autobahnzubringer. Als ich die Autobahn, jetzt an der richtigen Stelle, überquere, beginnt ein  übler Schotterweg ca. sechs km durch einen Acker.

PS: Irgendwann nach der Brille hat auch meine Mütze, die mir als Sonnenschutz dienen sollte, gefehlt. Angekommen in Mollina gibt es erstmal ein Bier. Dabei stelle ich fest, dass es hier einen Campingplatz gibt, nur drei Minuten entfernt. Ich radle hin, gehe in die Rezeption und erfahre, dass die mich gar nicht wollen. Zelte sind nicht vorgesehen. Es werden nur Bungalows vermietet. Ab zwei Nächte.

Also fahre ich wieder zurück zu meinem Lokal am Marktplatz und richte mich auf einen längeren Aufenthalt ein.  Zum Abendessen gibt es Hähnchenfleisch mit Kartoffeln, einige Biere, ein paar Vino Tinto, dazu noch eine Flasche Wasser, alles zusammen für 12,35 €. Da kann man nicht meckern. Ich merke schon: Touristen werde ich auf dieser Route nicht so viele treffen. Und wohin jetzt? Es ist längst klar, dass es eine Außenübernachtung gibt. Die Gegend ist voller Olivenplantagen, also steht mein Zelt um 10 Uhr in einer solchen, ca. drei km außerhalb, etwa 100 Meter von der Straße entfernt.

Die halbe Nacht kläffen Hunde in der Nähe. Meinen die mich?

Der erste Tag hat ca. 95 km und 1300 hm gebracht.

 

 

 


Donnerstag,, 18. Mai - Cordoba


Nach einem ziemlich schnellen Aufbruch aus meinem Olivenhain, natürlich ohne Frühstück,  bin ich jetzt in einer völlig anderen Landschaft unterwegs. 

Oliven, soweit das Auge reicht. Heute ist es den ganzen Tag flach bis wellig. Das Tagesziel ist noch etwas diffus. Nach Cordoba sind es ca. 140 km und es ist heiß. Auch gibt es wieder einen längeren Schotterweg durch eine große Olivenplantage. In Carlota, ca. 40 km  vor Cordoba, denke ich kurz übers aufhören nach, aber auch hier gibt es keinen Campingplatz und kein Hotel. Etwas Wasser am Körper wär jetzt nicht schlecht. Nach einer kurzen Pause entscheide ich mich, nach Cordoba weiterzufahren. Es ist schon ziemlich spät. Zunächst schickt mich das Navi auf eine ziemlich breite Schnellstraße, um mich dann plötzlich und abrupt nach links raus und unter der Schnellstraße durchzuführen. Einen Weg kann man das eigentlich nicht nennen. Eher einen zugewachsenen Singletrail. Und da steht ein Schild, dass dies der Beginn des 29,5 km langen 'Camino natural' nach Cordoba ist. OK, da bin ich mal gespannt. Ich habe gelesen, dass es viele ehemalige Bahntrassen gibt, die zu Fahrradwegen umfunktioniert wurden.

Am Anfang leicht steigend führt dieser durch eine gigantische Landschaft. Mal fast zugewachsen, dann wieder mit weiten Blicken über Weizenfelder, auch wieder Oliven, dann Zwiebel und auch sonst allerlei undefinierbares Gewächs. In langen Kurven geht es durch Tobel, über Brücken, sogar durch einen Tunnel. Auf der ganzen Strecke bis Cordoba begegnen mir genau zwei Radler.

Kurz vor Cordoba endet der Weg und ich komme wieder zu einer Schnellstraße, die in die Autobahn und in ein Industriegebiet mündet. Von hier aus komme ich in die Stadt, wo ich bei einer Halben für 2,50 € über Booking.com ein Zimmer direkt in der Altstadt finde. 40 € in einem wirklich schönen Hotel. Fast unglaublich. Wohlgemerkt: Zimmerpreis. Da könnte man auch zu zweit übernachten.

Weil es inzwischen schon nach 9 Uhr ist, langt die Zeit natürlich nicht mehr für großes Sightseeing. Dafür gibt es um die Ecke eine undefinierbare Tomatensuppe und völlig verkochte Spagetti - Bolognese, in denen ich keinen Krümel Fleisch entdecken kann. Ich muss wohl nicht näher erwähnen, dass die Portion auch wieder eher lächerlich war.

Ich muss gestehen, dass ich inzwischen ein ausgewachsenes Trauma habe, das ich mir bei früheren Radtouren eingefangen habe. Der Hunger ist immer riesig, aber die Essensportionen immer zu klein. Ich verstehe es eigentlich nicht, weil Nudeln ja wirklich nichts kosten. Eine Handvoll mehr für einen ausgehungerten Radler würde keinen Wirt dieser Welt umbringen. Der Dialog bei der Bestellung ist immer ähnlich. Ich erzähle von einer großen Fahrradtour, es wäre anstrengend, ich habe Hunger, wird man hier satt? Die Bedienung bzw. der Wirt: Lächeln, natürlich wird man hier satt, die Portion ist groß. Das Ergebnis dieses Dialogs ist  immer ernüchternd. Immer.

 

Mit 142 km und ca. 1100 Höhenmeter in den Beinen geht's danach ins Bett. 

 


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